Bäretswil gegen Brüssel - Finger weg vom Schweizer Waffenrecht!

27.05.2017 - sie bereits vor Türöffnung. Schlange am Eingang des Rap- perswiler Kinderzoos. Ich war eine von ihnen. Wider Erwarten hatten wir dann die ...
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ZO/AvU Samstag, 27. Mai 2017

Blog der Woche von Annalisa Hartmann «Family Affairs»

Nebensächliche Attraktion

E

ine kleine Giraffe. Ich war mir sicher, sie würde Scharen von Besuchern anziehen, selbst an einem Regentag. Und tatsächlich standen sie bereits vor Türöffnung Schlange am Eingang des Rapperswiler Kinderzoos. Ich war eine von ihnen. Wider Erwarten hatten wir dann die kleine Giraffe erst einmal ganz für uns alleine. Die Masse stürmte nicht zu ihrem Gehege. Wir waren die Einzigen, die diese Richtung einschlugen. Die Kleine stand da wie arrangiert. Sie tat keinen Schritt.

Hunderte Stunden unbezahlter Arbeit: Patrick Jauch – hier auf der Schiessanlage Betzholz – ist Initiant der Online-Kampagne «Finger weg vom Schweizer Waffenrecht.»

Seraina Boner

Bäretswil gegen Brüssel REGION Patrick Jauch aus Bäretswil scharte mit einer Online-Aktion Tausende von Schützen um sich. Ihr Ziel: Verhindern, dass die Schweiz das verschärfte Waffenrecht der EU übernimmt. Sein Freizeit-Projekt droht ihm nun aber zu entgleiten. Was derzeit die Schützen aus der ganzen Schweiz vereint, wirkt wie eine gross angelegte OnlineKampagne der Schweizer Waffenlobby. Das Logo zeigt einen Mann oder eine Frau mit Schweizerkreuz auf der Brust, in der einen Hand ein Sturmgewehr, die andere flach zum «Stopp»Zeichen vorgehalten. Über dem Logo steht: «Ob EU oder Bern – Finger weg vom Schweizer Waffenrecht!» Über 10’000 Personen haben einen offenen Brief auf der zugehörigen Webseite unterschrieben, die Facebook-Seite hat mehr als 6000 Likes. Über 20 Verbände, 50 Unternehmen, zwei Dutzend Schiessvereine sowie 400 Private haben sich zudem als Supporter eintragen las-

sen – darunter auch (bürgerliche) Politiker. Doch: Die ganze Kampagne ist das Engagement eines einzigen Sport- und Freizeitschützen: Patrick Jauch aus Bäretswil.

«Niemand redet mit uns» Bis vor kurzem war Patrick Jauch nicht einmal ein besonders politischer Mensch. Nur einmal, erzählt er, habe er davor zu einem politischen Thema klar Stellung bezogen. Das war 2011, als die Schweiz über die Offroader-Initiative abstimmte. Jauch, Besitzer von zwei Landrovern, sagt: «Da merkte ich: Politik kann mich persönlich betreffen, kann mich einschränken.» Und nun wiederholt sich dieses Szenario. «Schiessen ist die einzige Leidenschaft, die ich neben dem Beruf habe», sagt er, «und so wie mir ergeht es vielen.» Jauch, 43, Inhaber einer Werbeagentur in Wernetshausen, ist ehrenamtlicher Schützenmeister und Funktionär bei den Pistolenschützen Bubikon und im Nebenjob Schiessinstruktor.

Nun sitzt er auf einer Festbank vor der Schiessanlage Betzholz in Hinwil und sagt: «Das grosse Problem ist, dass niemand von offizieller Seite mit uns redet.» Bis im letzten Sommer habe er nicht gewusst, dass das, was in der EU verhandelt würde, auch die Schweiz, auch die Pistolenschützen Bubikon betreffen würde. Kürzlich nun beschloss die EU, ihr Waffenrecht zu verschärfen. Die Schweiz ist durch das Schengen-Abkommen verpflichtet, dieses zu übernehmen (siehe Box).

Markige Sprüche Jauch kritisiert nicht nur die Akteure in Brüssel und Bern, sondern auch den eigenen Verband. So habe es der Schweizer Schiesssportverband verpasst, seine Mitglieder rechtzeitig zu informieren. «Das läuft ja nun schon seit fast zwei Jahren.» Auch weil die Lobby-Arbeit des Verbandes bei den Schützen nicht sichtbar ist, entschied sich Jauch dazu, das Heft selber in die Hand zu nehmen. «Hunderte von Stunden» habe er seither in-

NEUES EU-WAFFENRECHT

«Versuch der Entwaffnung» Die Schützen fühlen sich durch das drohende neue Waffenrecht kriminalisiert. Im März dieses Jahres hat das EU-Parlament eine Verschärfung des Waffengesetzes beschlossen. Ende April schliesslich bestätigte der EU-Ministerrat den Beschluss. Übernimmt die Schweiz die EU-Richtlinie, hat sie zwei Jahre Zeit, ihr eigenes Waffenrecht zu überarbeiten. So sieht es das Schengen-Abkommen vor, an das sich die Schweiz halten muss. Der Schweizer Schiesssportverband hat bereits angekündigt, das Referendum zu ergreifen, falls die Schweiz das EU-Waffenrecht übernimmt. Patrick Jauch, Initiant der Aktion «Finger weg vom Schweizer Waffenrecht!», fordert aber ein proaktives Vorgehen. «Die

Schweiz soll diese Vorlage jetzt schon zurückweisen.» Damit würde die Schweiz das ganze Schengen-Abkommen gefährden, sagen seine Kritiker. Störend an der neuen «Firearms Directive» der EU ist für die Schützen unter anderem, dass neu ein nationales «Überwachungssystem» eingeführt werden muss und dass es für jede Waffe im Privatbesitz einen Bedürfnisnachweis braucht. Beides lehnten die Schweizer Stimmbürger 2011 («Annabelle-Initiative») mit 56,3 Prozent ab. Ausserdem werden medizinischpsychologische Tests und regelmässige Überprüfungen erforderlich, weswegen die Schützen auch den Breitensport (Schützenfeste, Feldschiessen etc.) gefährdet sehen. Gemäss dem neuen Gesetz wären auch die gängigsten Schweizer Armeewaffen

(Sturmgewehr 57/90) verboten, weil Langwaffen mit mehr als 10-Schuss-Magazinen verboten sind. Es wird aber davon ausgegangen, dass die Schweiz in diesem Punkt eine Ausnahmeregelung erwirken kann. Was aber mit Freizeitschützenwaffen geschieht, ist offen. Für Patrick Jauch, der aus gesundheitlichen Gründen keinen Militärdienst leisten konnte, ein schwacher Trost. Er sagt auch: «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Sturmgewehre verboten werden.» Schliesslich sei das Waffengesetz in den letzten 20 Jahren immer wieder verschärft worden. Für ihn sind die EU-Regelungen als Gesamtes am Ende ein «Versuch der Entwaffnung.» Als Freizeitschütze fühle er sich durch die drohenden Vorgaben ohne Grund kriminalisiert. eba

vestiert, die Schützen zu informieren – unbezahlt. Die Botschaften, die Jauch auf die selber gestalteten Plakate, Aufkleber und Flyer drucken liess, sind ziemlich radikal. Auf dem Flyer steht: «Es gibt keinen Kompromiss, den wir eingehen wollen. Keinen Fingerbreit, den wir Land geben. Keine Verhandlung, die wir nicht mit einem NEIN abschliessen.» Im Gespräch gibt er sich dann weit offener und gesprächsbereiter, als es die markigen Sprüche vermuten lassen. Er sagt: «Wir wehren uns gegen das Diktat, nicht aber gegen den Diskurs.» Die pointierten, patriotischen Botschaften seien deswegen vonnöten, um die extrem vielfältige, eher hemdsärmlige Schützengemeinschaft zu vereinen und zu mobilisieren. «Wir sind durchaus bereit, über Anpassungen des Waffenrechts zu reden», sagt Jauch. Dazu ist die Schweiz durch das Ja zum Schengen-Abkommen seinerzeit auch verpflichtet. «Was aber jetzt passiert, ist keine Anpassung, sondern ein Angriff.» Zwar ist noch völlig offen, wie die Schweiz die Vorgaben der EU umsetzen wird. Für Jauch jedoch ist klar: «Die Formulierungen der EU-Regelungen lassen keinen Spielraum vermuten.» In seiner Kampagne stellt Jauch das Waffenrecht indirekt als Angriff auf die Schweizer Souveränität, zumindest aber auf Schweizer Traditionen dar. Während Sportschützen und Militärangehörige vom Gesetz womöglich weniger hart getroffen werden (wenn die Sturmgewehre weiterhin zugelassen bleiben), wird Freizeitschützen wie Jauch das Schiessen erschwert bis verunmöglicht. In welcher Form Schützenfeste oder Feldschiessen noch möglich sind, ist ebenso noch unklar.

Instrumentalisierung droht Jauch bediente sich für seine Kampagne mit dem patriotischen Schweizer, der die eigenen Werte und Traditionen gegen fremde Regierungen verteidigt, einem aus SVP-Kampagnen bekannten Motiv. Nicht allzu abwegig war darum, dass die Wo-

chenzeitung «Die Zeit» kürzlich mutmasste, dass Jauch sein Hobby-Projekt entgleiten könnte. Das nämlich könnte passieren, wenn Politiker die Waffenfrage zur Europafrage machen. Denn am Waffenrecht hängt das Schengen-Abkommen, und an Schengen hängt auch Dublin. Jauch sagt, dass er verhindern möchte, dass seine Kampagne instrumentalisiert werde. Dass er nicht aus Prinzip gegen Schengen sei und auch nicht gegen Dublin. «Es geht mir ganz alleine um die Sache.» Er verspricht: «Ich werde aufpassen, zu welcher Hochzeit ich mein Baby mitbringe.» Mehr als das kann man von ihm, der bis vor kurzem noch einer von vielen HobbySchützen war, wahrlich nicht erwarten. Andres Eberhard KANTONSRAT

Kampagne hat die Politik erreicht Patrick Jauchs Kampagne «Finger Weg vom Schweizer Waffenrecht» hat in der Politik Reaktionen ausgelöst. Die Dübendorfer SVP-Kantonsrätin Jacqueline Hofer reichte beim Regierungsrat eine Anfrage mit demselben Titel ein. Sie finde den EU-Entscheid «diskriminierend», begründet sie auf Anfrage des ZO/ AvU. «Er zielt auf die Falschen, nämlich auf ehrliche und verantwortungsbewusste Bürger, Soldaten, Sportschützen, Sammler und Jäger. Genau diese und alle Besitzer von legalen Waffen werden unter Generalverdacht gestellt und kriminalisiert.» Terroristen hingegen würde ein Waffenverbot keinen Eindruck machen. Der Regierungsrat schreibt in seiner Antwort, dass er den Bund bereits schriftlich gebeten hat, bei der Ausarbeitung der Vorlage «den entsprechenden Spielraum zugunsten des Schiessports zu nutzen.» Auf Bundesebene sind ähnliche parlamentarische Anfragen hängig. SVP-Politiker Werner Salzmann hat sich dem Thema angenommen. eba

Ganz im Gegensatz zu meinem Kleinen. Er war so sehr mit Laufen beschäftigt, dass er gar kein Auge hatte für die kleine Giraffe oder all die Tiere, die er doch aus seinen Bilderbüchern kennt und täglich imitiert. Ich hatte einen Vormittag voller Freudequietschen, Tierlauten und ausgestreckten Zeigefingern erwartet. Leano wanderte unermüdlich die Brücke zum Elefantenpark auf und ab und auf und ab. Ab und zu fiel er hin, rappelte sich aber gleich wieder auf. Er war voll und ganz zufrieden. Zufrieden mit dieser Brücke, dem Abenteuer im Abenteuer. Ich finde sie wunderbar, diese kleinen Einblicke in seine Wahrnehmung. Leano ist ein Jahr alt. Für ihn ist jeder Ort spannend. Eine Pfütze kommt für ihn einem Besuch im Europapark gleich. Eine kleine Giraffe kann da schon mal ganz schön nebensächlich sein. Dossier zum Thema auf zueriost.ch/blog

Hoher Schaden bei Kollision USTER In Uster kam es gestern zu einem nicht alltäglichen Zusammenstoss zweier Fahrzeuge. Kurz vor Mittag war eine 70-jährige Frau mit ihrem Auto aus einer Stoppstrasse nach links in die Seestrasse abgebogen. Dabei übersah sie laut Stadtpolizei Uster einen nahenden Geldtransporter. Der Personenwagen prallte seitlich in den Transporter. Bei der Kollision entstand hoher Sachschaden. Die Verzweigung See-/Apothekerstrasse musste in der Folge eine Stunde lang gesperrt werden. Deshalb geriet der Verkehr zeitweise ins Stocken. zo

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